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Wohnung und Gesundheit
W+G Artikel

Aus: Wohnung + Gesundheit 134, Frühjahr 2010, S. 68-70

Mit Klängen wird’s Kindern greifbarer (Ulrich Grüger) - Volltextversion

„Physikalisches im Alltag“ – ein Schulprojekt bewirkt Nachdenkliches

In der Natur kommt sie ständig vor und bei der Technik, wenn sie unter Spannung oder Strom steht, auch. Gemeint ist die Schwingung. Dank elektronischer Messtechnik kann man sie in Klänge umwandeln und somit hörbar machen. So wird ein Unterschied zwischen Harmonie und Disharmonie deutlicher, der sich bekanntlich auch „unhörbar“ auf biologische Systeme auswirken kann. Um dies Kindern fassbarer zu machen, bieten sich Klänge aus Kosmos und moderner Alltagstechnik geradezu an.

der Arzt des Hauses. Er untersucht Häuser und Wohnungen nach unsichtbaren Störenfrieden und Quälgeistern. Was meint ihr denn, was das für Bösewichter sind und wo die sich wohl verstecken könnten?“ Gleich zu Beginn liegt auf den in erwartungsvollen Gesichtern der Viertklässler etwas Grüblerisches. Vor einigen Kinderaugen laufen die Bilder vom „Zuhause“ hin und her, während andere Kinderaugen clever über die vorn aufgebauten Messgeräte, Alltagstechnik und sonstige merkwürdige Dinge flitzen. „In den Ecken?“, wagt sich jemand zaghaft hervor und ergänzt: „im Staub, die Bakterien?“ Dann schnellen die Hände nur so nach oben: „auf dem Dach?“, „im Teppich?“, „vielleicht der Schimmel?“. Und nach einer Weile: „oder im Strom?“.

Wie alles begann

Nach intensiven Bemühungen in verschiedenen Schulen das Thema Handy & Co. aus baubiologischer Sichtweise den Schülern (und Lehrern) näher zu bringen, stieß ich hier im Raum Gießen auf schwache Resonanzen. Schulen haben kein Geld, der Lehrplan sieht keinen zeitlichen Rahmen für so etwas vor und die Lehrerfortbildung befasst sich schon mit Gesundheitsvorsorge, hieß es seitens Schulleitung, Schulamt und anderen Einrichtungen. Doch irgendwann kam ich an einen netten älteren Herrn, der sich kraft seines Amtes auch noch die Zeit nahm, mein Ansinnen anzuhören und ernst zu nehmen, um etwas für das Bewusstsein und die Gesundheit der Kinder zu tun. Er als Chef des Gießener Schulverwaltungsamtes startete im Frühjahr 2007 die erste Staffel „Physikalisches im Alltag“ an Gießener Grundschulen. Dieses Schulprojekt dient einer Sensibilisierung der Kinder beim alltäglichen Umgang mit Elektrogeräten und Unterhaltungselektronik. Hierbei werden fachübergreifend, mit pädagogischer und kindgerechter Art die Stoffgebiete Physik, Biologie, Chemie, Gesundheit und Umwelterziehung verdeutlicht.

Rausch des Universums

Mit einer physikalischen Reise über Bildtafeln in das größte, schönste aber auch unvorstellbarste physikalische Wunder, dem Universum, betrachten wir zunächst unsere Milchstraßengalaxie gleich zu Beginn. Die Wissenschaft schätzt(!) die Ausdehnung jener ca. 400 Milliarden Sterne auf ca. 200.000 Lichtjahre. Dadurch, dass sich all diese Himmelskörper um das Galaxiezentrum bewegen, gelangen wir schnell auf die Formel: Bewegung = Energie = Schwingung = Klang. Über Beispiele eines kreisenden Springseils oder selbst an den Händen reiben, vertiefen wir diese Erkenntnis, worauf in den nächsten 5 Minuten kosmisch-harmonische Klangbeispiele aus dem Rekorder den Klassenraum füllen (Kosmische Klangbeispiele tlw. aus dem Hörwerk: „Vom Hören der Welt“ von Joachim-Ernst Berendt). Wir baden in Klängen! Da tanzt der Sonnenwind auf dem Magnetfeld der Erde und manche Kinder meinen, es klingt, als würden Harmonika und Geigen eine Melodie spielen. Und anhand des tief summenden „Erdentons“, dem eigentlichen Stimmton, auf den sich alles Leben einstellt, erörtern wir die unterschiedliche Wahrnehmung mit unseren Sinnen. So gelangen wir zu der Erkenntnis, dass alle Zellen, woraus unser Körper besteht, jene kosmischen und terrestrischen Klänge über die Schwingungen „hören“ und den Körper aufbauend beeinflussen.

Elektrizität und Magnetismus und der richtige Umgang damit

Von der Größe des Universums müssen wir zu den kleinsten Teilchen der Materie hinunter, um mittels des Atommodells die Bewegung der positiven und negativen Ladungsträger erfassen zu können, die für die Energie verantwortlich sind. Nun tritt Asterix auf die Bühne. Mittels eines Kunststoffstabes und einer Plüschpuppe werden elektrostatische Fakten geschaffen. Kleine aus Alufolie gebastelte Römer bäumen sich senkrecht auf, bekommen aber vom starken Kelten einen Nasenstüber und fallen wieder um. Ein in einem Einweckglas an einem Kupferdraht aufgehängtes Pralinenblättchen aus Alufolie bewegt sich wie von

Geisterhand. Oben am Draht steckt ein Alufoliebällchen, über das die „Elektronenwanderung“ durch den geriebenen Kunststoffstab erfolgt. Den gleichen Effekt in Form einer Flüssigkristall-Anzeige können die Kinder auch auf einem alten MP3- Player-Display sehen. Nachdem wir eigene Beispiele zu ähnlichen Phänomenen aus der Natur und dem Alltag besprechen, wird auch deutlich, welche „unerwünschten Reaktionen“ so etwas im menschlichen Körper hervorrufen kann. Mit den Wirkungen von „unsichtbaren“ Kräften gelangen wir schließlich zum Magnetismus und so zur Erdanziehungskraft, die mit dem Kompass, besser noch mit dem 3D-Kompass erkennbar wird. Das statische Anzeigestäbchen im 3D-Kompass bewegt sich alsbald wie ein Kreisel, nachdem Dauermagneten in seiner Nähe auftauchen. Spektakulär wird es, wenn ein kleiner Ohrhörer eines Walkmans oder MP3-Players am 3D-Kompass gleiche Effekte zeigt. Schnell wird hier der Einfluss von Technik auf natürliche Kraftfelder und seine logischen „unerwünschten Reaktionen“ bei Dauereinwirkung auf biologisches Leben begriffen. Anschaulicher wird es, wenn der Orientierungssinn der Vögel (selbst beim Menschen) mit winzigen Magnetkristallen im Kopf einbezogen wird, was die Kinder zu eigenen Beispielen ermuntert, wie das von gestrandeten Walen.

Anstoß zum umweltfreundlichen Forschen

Nachdem wir erkannt haben, dass das Universum voll von Energie steckt, die wir größtenteils noch gar nicht entdeckt haben, zeigt ein kleines Fotovoltaik-Modell die Nutzbarmachung des Lichts, einer alternativen Energieform, an. Mit der Frage: „Wer hat die besten Ideen für zukünftige Energien?“ und der Antwort: „Natürlich die Kinder, jene Erwachsenen von Morgen!“, wird eine umweltfreundliche Botschaft den neugierig dreinblickenden 9- bis 11-Jährigen vermittelt, die munter aus ihrem eigenen Fundus schon bekannte Alternativen aufzählen und dabei recht „verrückt“ erscheinende neue Ideen einwerfen.

Seltsame Batterien, Wechselstrom, „nebelige“ Elektrowolken

Im Alltag benutzen wir für unsere Geräte verschiedene Batterien, die uns unterschiedliche elektrische Spannungen bieten. Wenn dann neben Flach-, Block- oder Stabbatterie auch noch ein Apfel und eine Zitrone aufgereiht wird, rufen ein Teil der Kinder: „das kenn’ ich schon!“. Allerdings ist das Staunen aller dann groß, wenn am „Multimeter“ die tatsächlichen Spannungsverhältnisse angezeigt werden. Mit der wissenschaftlichen Evolutionsgeschichte des Lebens aus der Ursuppe, also Einzellern, Amphibien, der Land-, Wasser- und Säugetiere bis hin zum Menschen, wird auch das letzte Batterieexperiment greifbarer, das Salzwasser. Ein Steinsalzbrocken, der neben dem kleinen Glas mit dem aufgelösten Salz liegt, dient auch der Erklärung zur Wichtigkeit des natürlichen „Mineralsalzes“, von vielen Körperfunktionen übers Wassertrinken bis hin zur gesunden Ernährung. Deutlicher wird’s wenn die Körperflüssigkeiten Tränen, Schweiß und das „Fruchtwasser“ im Mutterleib mit ähnlichen Zusammensetzungen erklärt werden. Nun erreichen wir den Höhepunkt. Die meisten Geräte im Haushalt funktionieren mit Wechselstrom und der kommt aus der Steckdose. Nun rücken typische Haushaltgeräte für mancherlei recht fragwürdige Bequemlichkeiten ins Experimentierfeld. Mit Prüfschraubenzieher, Messgeräten, die piepsen und leuchten, wird der „Elektrosmog“ und die Ankopplung bzw. Erhöhung der Körperspannung demonstriert, was die Kinder mit Begeisterung erleben. Bei einem auf einem Heizkissen sitzendem Kind leuchtet der Prüfschraubenzieher auch am ausgestreckten Arm. Während alle weiteren Kinder lachend eine „Händeschlangenkette“ bilden, herrscht im Klassenraum Spannung am Schlangenende, wenn diese mit dem „Heizkissenkind“ geschlossen wird. „Wir hören und sehen diese unsichtbaren Störenfriede und Quälgeister ohne Messgeräte nicht. Wer hört sie aber immer noch?“, folgt jetzt die Frage. Die prompte Antwort: „…vielleicht unsere Zellen?“. Dies beweist, dass ein Großteil der Kinder den Sinn erfasst hat.

Disharmonische Klänge durch „funkende“ Technik

Zwei Telefone, eins mit und eins ohne „Schnur“, treten nun in den Fokus. Das „Lambda-Fox RFA3“ von Merkel Messtechnik eignet sich hierbei hervorragend, um die „Mobilfunkstrahlung“ der eingesteckten DECT-Telefon-Basisstation sichtbar und hörbar zu demonstrieren. Vom Recorder wird parallel dazu das „Klangbeispiel Handy“ (über Messgeräte hörbares einloggen, wählen und dem Nutzkanal beim Gesprächsablauf) abgespielt. Die Verwunderung und Abneigung ist groß. Zur Frage: „Sind solche risikovollen Mobilfunkfelder wirklich nötig?“, folgen schließlich freiwillige Wortmeldungen der Kinder zu ihren täglichen Gewohnheiten beim Umgang mit Handys, bzw. zu der vorhandenen Technologie bei ihnen zu Hause. Fazit: Etwa ein Drittel der Viertklässler besitzen noch kein Handy, aber ca. 95 Prozent haben zuhause ein DECT-Telefon, einschließlich der Lehrer! Wenn es das Zeitfenster von 90 Minuten noch erlaubt, werden andere Beispiele, wie WLAN, Babyphon, Mikrowellenherd oder ähnliches, angesprochen. Abschließend erfolgen Hinweise zum richtigen Handyumgang und möglichen Handyverzicht (Handyverbot für unter 16-jährige in England). Die Lehrer erhalten Informationsfaltblätter mit Linkhinweisen zum Schutz der Kinder, die sie auch an interessierte Eltern verteilen können, wie u. a. vom europaweit agierenden Verein „Kompetenzinitiative zum Schutz von Mensch, Umwelt und Demokratie“ (www.kompetenzinitiative.de).