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Aus: Wohnung + Gesundheit 135, Sommer 2010, S. 12-14
Spielen im Passivhaus (Olaf Reiter) - Volltextversion
Ein Holz-Lehm-Bau für Kinder
Im sächsischen Döbeln ist ein ökologischer Kindergarten entstanden (siehe Titelbild W+G 134). Die Kombination
aus gesunden Materialien und energiesparendem Bauen brachte dem Haus das Zertifikat „Gesunder
Kindergarten“. Das Gebäude wurde als Passivhaus errichtet und benötigt nur ca. ein Zehntel des durchschnittlichen
Energieverbrauchs eines Bestandsgebäudes.
Der Kindergarten am Kreuzgang
Direkt neben der Jakobikirche in
Döbeln baute die ev.-luth. Kirchgemeinde
einen neuen Kindergarten.
Ähnlich einem Kloster bildet der
Kindergarten St. Florian eine bauliche
Einheit mit der Kirche, ein
„Kreuzgang“ mit Innenhof verbindet
beide Gebäude miteinander. Nach
dem Mulde-Hochwasser 2002 war
der Ersatzneubau notwendig geworden
und wir (Arch. Reiter und Rentsch,
Dresden) gewannen mit dieser
Idee den Architektenwettbewerb.
Selbstbewusst soll der moderne farbige
Holzbau neben der Kirche aus
dem 19. Jahrhundert stehen, beide
sollen sich gegenseitig in ihrer Wirkung
stärken. Betritt man den eingeschossigen
Kindergarten von der
Straße aus, dann schweift der Blick
vom Foyer immer wieder durch die
große Glasfassade zur nördlich gelegenen
Kirche hinüber. Die karminrot
lasierte geschwungene Lehmwand
mit eingebauten Garderoben trennt
den Flur von den südlich gelegenen
Gruppenräumen. Über große Türen
mit Glasseitenteilen betreten die
Kinder ihre Spielräume mit eigenen Holzgalerien und Bädern. Die 68
Krippen- und Kindergartenkinder
können direkt aus ihren 4 Gruppen
in den Garten gehen. Es riecht überall
sehr gut nach Holz und Lehm,
dies ist der Bauweise mit gesunden
Baustoffen und der kontrollierten
Lüftung zu verdanken. Diese Anlage
befindet sich sichtbar hinter einer
Glaswand über den nördlich gelegenen
Nebenräumen. Das Konzept
des ökologischen Passivhauses wird
von den Bauherrn und den Kindern
sehr gut angenommen.
Holzrahmenbau
mit Schalungsträgern
Alle Außenwände und das Dach
wurden als Holzrahmenbau mit
36er Holz-Doppel-T-Trägern (Doka-
Schalungsträger, Achsabstand 1,25
m) mit aussteifenden OSB-Platten
errichtet. Eine 4 cm Holzweichfaserplatte
umschließt alles und sorgt für
Wärmebrückenfreiheit und gemeinsam
mit der Zellulose-Dämmung für
einen U-Wert von 0,11. Bzgl. Brandschutz
entspricht diese Konstruktion
der Feuerwiderstandsklasse F30-B
mit Zustimmung im Einzelfall. Da
Holz im Passivhausbau eine Wärmebrücke
darstellt, wurde in den
Gebäudeecken der Einsatz von Holz
minimiert (s. Abb. 3). Die Bodenplatte
wurde unterseitig gedämmt. Diese
wird somit zum warmen Bauteil (U
= 0,13). Zusätzlich steht der gesamte
Holzbau auf Wärmedämmung
aus Schaumglassteifen (s. Abb. 4),
um die Schwelle vor Tauwasser zu
schützen und sie kontrollierbar über
den Fußbodenaufbau zu heben.
Die Innenwände in den Gruppenräumen
sind Holzrahmenbauwände mit
Vollholzprofilen, die von den Eltern
und Kindern in Eigenleistung mit
Lehmsteinen ausgemauert wurden.
Auf diesen wurden Schilfrohrmatten,
Wandflächenheizung und Lehmputz
mit diffusionsoffener Kaseinfarbe
aufgebracht. Der Lehm bringt eine
hohe Speichermasse in den Bau und
sorgt für ausgeglichene Luftfeuchte
im Raum.
Die Galerie- und Nebenraumdecken
sind Vollholzdecken aus flachgelegten
Leimholzbindern. Auf die
tragende Holzkonstruktion wurde
ein 3-Scheiben-Passivhaus-Verglasungssystem
aufgeschraubt (U =
0,85, g = 55 %). Farbig lasierte Lärchenholzverschalung
an den Wänden,
ein hinterlüftetes Gründach
und die Holzfenster mit Verschattungsmöglichkeit
aus Stoffbahnen
bilden die Wetterschale des Hauses.
Aufgrund der OSB-Platten konnte
auf den Einsatz von Dampfbremsen
bzw. -sperren verzichtet werden. Die
Bauteile der Wände und des Daches
werden daher von innen nach außen
immer diffusionsoffener. Die Luftdichtigkeit
n50 wurde mit einem
blower-door-Test nachgewiesen und
erreichte schon bei der ersten Messung
einen Wert von 0,5 1/h (bezogen
auf das Innenraumvolumen).
Der Holzbau wurde komplett mit
Fenstern im Werk vorgefertigt und
in 2 Wochen montiert. Die hohe Exaktheit
der Vorfertigung und Ausführungsqualität
überzeugte den Bauherren.
Die Erstellung des Holzbaus
im Winter war daher kein Problem.
60% Glasfassade nach Norden
Ist das möglich?
Im Passivhaus sollte die größte
Verglasung möglichst nach Süden
zeigen, da hier die meisten solaren
Wärmegewinne erzielt werden. Aufgrund
der wichtigen Blickbeziehung
zur Kirche entschieden sich aber die
Architekten zusätzlich für eine große
Glasfassade nach Norden. Bei den
ersten Berechnungen lagen die Werte
etwas über dem für ein Passivhaus
„erlaubtem“ Heizwärmebedarf von
15 kWh/m²a.
Durch Einbau einer geschlossen
Brüstung, Verkleinerung der Glasfläche
und Verbesserung der Dämmung
aller Außenwände konnten die
strengen Passivhaus-Bedingungen
letztendlich dennoch erfüllt werden.
Es hat sich nach einem Jahr Nutzung
gezeigt, dass ein Passivhaus auch bei
diesen städtebaulich bedingten Rahmenbedingungen
gut funktioniert.
Innenraumbepflanzung
gegen zu trockene Luft
Ein Kind benötigt ca. 15 m³/h
Frischluft. Bei einer sehr hohen Kinderdichte
von 2,5 m² je Kind benötigt
man bei 18 Kindern + 1 Erwachsenen
also 300 m³/h Frischluft im
Gruppenraum. Dies ergibt bei einem
Raumvolumen von 185 m³ eine
Luftwechselrate von 1,6. Dies kann
im Winter zu sehr geringer Luftfeuchtigkeit
in den Räumen führen.
In Zusammenarbeit mit Herr Frantz
vom Botanischen Garten Tübingen
entstand eine Innenraum-Bepflanzung,
die diesem entgegenwirkt, denn Pflanzen sind ideale Luftbefeuchter.
Eine 2 m hohe Pflanze
(Ficus alii) kann in 24 Stunden 1,5 l
Wasser an die Raumluft abgeben. Es
wurden 2 große Pflanzbeete direkt
in Aussparungen in der Bodenplatte
eingebaut (s. Abb. 7). Für die Winddichtigkeit
zum Erdreich hin wurde
eine 20 cm starke Tonschicht eingebracht.
Das Substrat ist eine Spezialmischung
aus Blähton, Torf und
Tongranulat. Die Heimat der Pflanzen
ist der tropische Regenwald, ein
Pflanzbeet hat den afrikanischen, das
andere den asiatischen Regenwald
zum Vorbild. Die Kinder gießen die
Pflanzen selbst und sind begeistert,
wie schnell diese wachsen.
Haustechnik
Die Grundversorgung des Passivhauses
mit Wärme erfolgt vordringlich
durch interne Wärmegewinne
(Personen, Beleuchtung, Elektrogeräte
etc.) sowie durch die solaren
Energieeinträge über die nach Süden
ausgerichteten Fenster. Da es durch
das “Fehlen“ der internen Wärmequellen
im Nachgang von Wochenenden
und nach Feiertagen etc. zu
einer Raumtemperaturabsenkung
kommen würde, ist eine zusätzliche
Wärmeversorgung des Kindergartens
erforderlich. Um den zukunftsorientierten
energetischen Anforderungen
für das Gebäude gerecht zu
werden, wurde für die Bereitstellung
der Wärmeversorgung des Kindergartens
auf die solare Wärmeenergie
von Sonnenkollektoren und auf
die Nahwärme aus der vorhandenen
Niedertemperatur-Gaskesselanlage
in der Jacobikirche zurückgegriffen.
Die Verteilung der Wärme erfolgt in
den Gruppenräumen mit Wandheizflächen
aus diffusionsdichten Metallverbundrohren,
die in Lehmputz
verlegt wurden. Dadurch kommt es
zu einer angenehm “großflächigen“
Strahlungswärme und auf die Stellfläche
für Heizkörper kann verzichtet
werden.
Die lüftungstechnische Anlage ist
so konzipiert, dass sie mit einem
Minimum an Energie betrieben
wird. Dies wird durch Wärmerückgewinnung
aus der Abluft mittels
eines Rotationswärmeübertragers
zur Erwärmung der Außenluft sowie
über die Begrenzung des Luftwechsels
auf die Mindestaußenluftrate
pro Person erreicht. Zusätzlich zur
Wärmerückgewinnung ermöglicht
eine hygroskopische Beschichtung
auf dem Wärmeüberträger auch die
Rückgewinnung der Luftfeuchte.
Dadurch kann selbst an sehr kalten
Wintertagen mit äußerst geringem
Wassergehalt in der Außenluft
gemeinsam mit den Pflanzen eine
ausreichend hohe Luftfeuchte im
Raum gehalten werden. Weiterhin
kann durch den Einsatz von Feinfiltern
die Außenluftqualität verbessert
werden (Unterbindung von Polleneintrag).
Die Luftverteilung erfolgt
über ein Kanalsystem und wird über
Düsenauslässe in die Gruppenräume
sowie in den Mehrzweckraum eingebracht.
Mittels Überströmelementen
in den Galerien wird die Luft über
das Foyer und den angrenzenden
Personal- und Nebenraumbereichen
sowie über die Sanitärbereiche abgesaugt.
In der sächsischen Schulbaurichtlinie
wird eine natürliche Lüftung gefordert.
Daran drohte das Passivhaus
zu scheitern. Der Nachweis, dass die
natürlich Lüftung über die Fenster
jederzeit gewährleistet ist und durch
die kontrollierte Lüftung mit Wärmerückgewinnung
nur unterstützt
wird, rettete die Idee.  
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